Jun 272007
 

Berlin, 25. Juni 07: An diesem Montag trafen sich in Berlin 200 Künstler, Kulturschaffende, Politiker und Beamten aus Land, Bund und EU, sowie Stiftungen aus über 20 Ländern, um über konkrete Effekte und Perspektiven der europäischen Kulturpolitik zu diskutieren. Durch mein Engagement bei den Theatertagen am See, konnte ich den Blick auf die besondere Situation von jungen Menschen im Kulturbereich lenken.

Jonathan

Symposium: “Europäisch kooperieren und produzieren“

Künstler in Europa – die Kreativen sind der Politik voraus

Meine Rede:

Meine Damen und Herren,

mein Name ist Jonathan Mack. Ich bin Projektleiter beim Internationalen Amateurtheaterfestival „Theatertage am See“, sowie deutscher Jugenddelegierter 2007 zur Generalversammlung der Vereinten Nationen.

Vor drei Jahren rief ich die Kulturinitiative „A European Theatre Adventure“ ins Leben. Junge Menschen aus West- und Osteuropa, zur Hälfte jeweils junge Sinti und Roma, arbeiteten gemeinsam mit professionellen Künstlern. Während den 10tägigen internationalen Begegnungen entdeckten sie mit Theater, Tanz und Musik ihre eigenen Visionen zur europäischen Vielfalt, zur Frage nach „Heimat“ und in diesem Jahr zu ihren eigenen „Wurzeln“.

Unser zentraler Anspruch strebt eine prozessorientierte Theaterarbeit auf gleicher Augenhöhe aller Beteiligten an. Nach einem ersten Jahr der Zusammenarbeit im sozio-kulturellen Bereich insbesondere mit Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Spanien, entdeckten wir im Folgejahr die Kooperation mit Partnern aus den Westbalkanländern und Roma Selbstorganisationen. Im dritten Jahr bewegten wir uns von der sozio-kulturellen, auf eine tiefere, künstlerische Ebene, ohne die Beteiligung von jungen Menschen, insbesondere jungen Sinti und Roma aus dem Auge zu verlieren. Das Projekt wurde vom Fonds Darstellende Künste, sowie von Jugend für Europa, der deutschen Nationalagentur des europäischen Jugendprogramms gefördert.

Die Bilanz des Projektes: eine beeindruckte Öffentlichkeit und sehr nachhaltige Folgen bei den Teilnehmern verbunden mit einer großen Eigendynamik zur Fortsetzung und Weiterentwicklung. Theater hat sich als universelle Verständigungsform dabei besonders bewährt. Eine gewisse Frustration über die europäische Kulturpolitik lässt sich jedoch nicht verschleiern:

1.) Wieso wird eine europäische Kulturpolitik ganz offensichtlich von der Visapolitik deutscher Botschaften untergraben? Die bewusst geförderte Integration von sozial benachteiligen Jugendlichen und Sinti und Roma aus Albanien, Serbien und Mazedonien, wurde von den deutschen Botschaften gestoppt.

2.) Warum sind junge Menschen und Minderheiten, insbesondere Sinti und Roma, immer wieder Opfer einer sie missbrauchenden Kulturarbeit? Es gibt wohl keine Bevölkerungsgruppe wie die Jugend, die derart mobil Grenzen überschreitet, Sprachen lernt und die interkulturelle Verständigung fördert. Es wird gemunkelt, die Jugend sei die Zukunft Europas. Das Bundeskanzleramt organisiert Gartenpartys, bei denen junge Menschen Opfer künstlerischer Partizipationsmaßnahmen werden. Als junger Bürger dieses Europas fordere ich nicht länger bevormundet zu werden. Wir wollen nicht nur Theaterprojekte für Jugendliche, sondern mehr Theaterprojekte von und mit Jugendlichen. Wenn die Jugend die viel beschworene Zukunft Europas sein soll, kann sie nicht Objekt politischer oder kultureller Projekte sein, sondern muss als gleichberechtigter Partner in diesem Europa der Vielfalt beteiligt sein. Es reicht nicht, dass die Politik und Verwaltung zu wissen meinen, was „gut“ ist für die Jugend. Wir jungen Menschen haben längst verstanden, dass wir die Fähigkeiten haben unseren eigenen kulturellen und politischen Beitrag zu einem Europa der Vielfalt zu leisten. Dies betrifft insbesondere die Kulturpolitik. Förderungsprogramme und inhaltliche Schwerpunkte dürfen nicht ohne Jugendliche und Minderheiten gemacht werden und sie nicht in ihren Bedürfnissen und ihrem kreativen Potential einschränken und vorbestimmen.

3.) Wenn Profis im Sport junge Menschen fördern können, warum nicht auch in der Kunst und Kultur? Junge Menschen, ebenso wie Minderheiten brauchen „empowerment“. Wir arbeiten deshalb mit Profis aus ganz Europa. Diese Form der europäischen Zusammenarbeit wird bisher nicht anerkannt. Jugendliche dürfen nicht selbst zu Künstlern und Kulturschaffenden werden. Viele künstlerische Initiativen junger Menschen scheitern an einem Spagat zwischen außerschulischer Bildungsarbeit und professionalisierter Erwachsenenkunst? Für das nicht-formale Bildungsprogramm „Jugend in Aktion“ hat eine intensive künstlerische Arbeit einen zu professionellen Charakter. Die Einbeziehung von professionellen Referenten wird nicht gefördert. Ein in Deutschland hoch gelobtes Projekt wird in Ungarn abgelehnt mit der Begründung, eine derart professionelle Theaterarbeit entspricht nicht den Kriterien der nicht-formalen Bildungsarbeit. Auf der anderen Seite wird das künstlerische Schaffen junger Menschen nur begrenzt dem professionellen Charakter der Kulturprogramme gerecht. Diese Lücke muss überwunden werden.

Die Zukunft Europas liegt in der Kulturpolitik. Diese Kulturpolitik muss mit jungen Menschen und auch Europas Minderheiten gemacht werden. Ich habe die Vision, dass viele junge Menschen unterschiedlicher Herkunft in gemeinsamen, teilweise von Profis angeleiteten, kulturellen Projekten zusammen arbeiten. Und in diesem Sinne möchte ich mich Herrn Gottfried Wagner anschließen, ein Mobilitätsprogramm für junge Menschen im Kulturbereich zu fordern.

Viele Dank.