Aug 282013
 

KISS28.08.2013 – Als junger Mensch anschaffen zu gehen, ist wohl für viele das bitterste aller Schicksale. Wer dabei an Prostitution denkt, hat schnell ein Bild von leicht bekleideten jungen Mädchen im Kopf, die zu nächtlicher Stunde auf Freier warten. Dass sich auch Jungen und Männer prostituieren, gerät häufig in Vergessenheit. Tatsächlich gibt es aber allein in Frankfurt 600-800 männliche Stricher. Die Kriseninterventionsstelle für Stricher (KISS) kümmert sich um sie und bietet Beratung, warme Mahlzeiten, medizinische Unterstützung, Schlaf- und Waschmöglichkeiten an. KISS soll dabei ein Ort sein, an dem junge Stricher einerseits ihre grundlegenden Bedürfnisse befriedigen, andererseits auch eine ergebnisoffene und wertfreie Beratung in Anspruch nehmen können. Ziel ist im Gespräch mit den Strichern einen Weg zu finden, der von ihnen gewollt ist.

Dabei ist es besonders wichtig die Kultur und Herkunft der jungen Stricher mit einzubeziehen. 92% der Stricher stammen aus dem Ausland, besonders aus Bulgarien und Rumänien, aber auch aus südamerikanischen Ländern. Häufig sind sie zwischen 16 und 24 Jahre alt, der jüngste Fall bei KISS war ein Junge im Alter von 14 Jahren.

Beratung kann heißen, Hilfestellungen zum Ausstieg aus dKISS1er Prostitution zu geben. Sie kann aber auch heißen, einen Weg zu finden die Arbeits- und Lebensbedingungen als Prostituierte zu verbessern. Denn Prostitution an sich wird bei KISS nicht ‚verteufelt‘ oder grundsätzlich als zu bekämpfendes Übel angesehen, sondern als eine Tätigkeit, die aus einer freien, selbstbestimmten Entscheidung resultieren kann. Prostituierte sind nicht grundsätzlich Opfer, Freier nicht grundsätzlich Täter. Im Idealfall ist das Machtverhältnis ausgeglichen und man begegnet sich mit gegenseitigem Respekt.

Die Realität ist aber leider häufig eine andere. Junge Männer prostituieren sich in Deutschland, weil sie in ihren Heimatländern keine Perspektive haben und mit ihrem Verdienst ihre Familien zu Hause unterstützen. Sie prostituieren sich, weil sie keiner anderen Erwerbstätigkeit nachkommen können, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und beruflicher Qualifikationen. Es ist eine Prostitution aus Armut.

Viele der männlichen Stricher sind dabei in einer besonders schwierigen Situation: Die Mehrheit von ihnen ist heterosexuell, bieten aber ihre sexuelle Dienstleistung an Männer an. Das schürt Aggressionen. Einige der Stricher sind homo-, oder transsexuell und sind dadurch einer anderen Problematik ausgesetzt: Durch ihre sexuelle Orientierung, ihre Herkunft und ihre Tätigkeit setzt sich ihre Identität aus drei gesellschaftlich stigmatisierten Komponenten zusammen:  Homo- bzw. Transsexualität, Migration und Prostitution.

Aus dem Gespräch mit Frau Fink, die bereits seit 21 Jahre für KISS arbeitet, u.a. als Leiterin der Interventionsstelle, ergaben sich folgende Forderungen:

  • Es sollten ein Angebot an Ausbildungsplätzen geschaffen werden für diejenigen, die unfreiwillig in der Prostitution gelandet sind. Eine handwerkliche Ausbildung beispielsweise, durch die die jungen Männer die Möglichkeit haben einer andere Erwerbstätigkeit nachzugehen.
  • Mehr gesellschaftliche Anerkennung und Respekt für Prostituierte schaffen. Prostitution kann eine freiwillige, selbstbewusste und selbstbestimmte Entscheidung sein und muss gesellschaftlich als solche anerkannt werden.
  • Prostitution muss weiterhin legal bleiben. Rechtssicherheit und die Einbindung der Branche in existierende gesellschaftliche Regulierungssysteme bietet Schutz vor Ausbeutung, schlechten Arbeitsbedingungen und physischer und psychischer Gewalt.
  • Die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten sollte gelebt werden. Menschen, egal welcher sexueller Orientierung verdienen eine gleichberechtigte Behandlung und Schutz vor Diskriminierung.

Es war sehr spannend einen Einblick in diese völlig fremde Welt zu gewinnen und wir bedanken uns herzlich, dass wir die Möglichkeit hatten einen Einblick in diese Welt zu gewinnen.

KISS2

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