Mai 272015
 

Pfadfinder verbindet man mit Rauchzeichen, Spurensuche und Kekse verkaufenden Kindern. Ist da etwas dran? Ist das Pfadfindersein gleichbedeutend mit dem Leben Tick, Trick und Tracks – den berühmten Neffen Donald Ducks und ihrer Pfadfindergruppe „Fähnlein Fieselschweif“? Als UN-Jugenddelegierter habe mich ins fränkische Adelsdorf auf Erkundungsreise begeben. Was steckt hinter dem Pfadfindermythos?

Meine erste Erkenntnis: das „eine“ Pfadfinderleben gibt es nicht. Jeder Stamm und jede Gruppe hat ihre eigene Traditionen, Lieder und Pfadfinderrufe. Aber hier auf dem riesigen Allerhand-Lager finden sich mehr als 3000 Teilnehmer unterschiedlichster Stämme, Bünde, Ringe und Verbände Deutschlands. Nord und Süd, West und Ost, alle Regionen treffen über Pfingsten im Naturschutzgebiet bei Adelsdorf unter dem Motto Gemeinschaft, Tradition und Grenzenlosigkeit aufeinander.Bürschle4

Ich laufe vorbei an schwarzen Zelten. Je nach Größe nennen sie sich Kothen und Jothen. Inspiriert vom finnischen Nomadenstamm – den Samen – benutzen die Pfadfinder diese Zeltformen als schnell auf- und abbaubare Schlaflager und Rückzugsorte. Um mich herum große Gruppen von jungen Menschen in unterschiedlichen Uniformen, Aufnähern mit Lillienwappen (dem offiziellen Pfadfinderzeichen) und Halstüchern verschiedenster Farben. Auf den Wiesen wird gemeinsam gesessen, musiziert oder geplaudert. Moderne Technik, Mobiltelefone, Kameras, Computer und Musikspieler finden sich nur sehr bescheiden auf dem Zeltlager. Der respektvolle Umgang mit den Mitmenschen, das Leben im Hier und Jetzt und die Nähe zur Natur sind wichtiger als ständige Ablenkung in digitalen Lebenswelten.

Aber was bedeutet es, Pfadfinder zu sein? Im Vordergrund die Förderung der collage1Entwicklung junger Menschen. Sie sollen in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen, respektvoll mit der Natur umgehen und gemeinschaftlich und solidarisch mit ihren Mitmenschen verhalten. Gegründet wurden die Pfadfinder 1907 vom britischen General Robert Baden-Powell und schon bald breitete sich die Bewegung auf der ganzen Welt aus. Weltweit haben bis heute etwa 300 Millionen Menschen den Pfadfindern angehört. Das erlebnispädagogische Konzept brachte Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten zusammen und erzog sie zu verantwortungsbewussten Menschen. Der Wandervogel, eine zur Natur gewandte Bewegung gegen den rigiden Lebensstil des deutschen Kaiserreichs, später Bündische Jugend genannt, wuchs mit der Pfadfindertradition hierzulande zusammen. So finden sich sowohl die Traditionen des Wandervogels wie zum Beispiel der Liedergesang, als auch die Ideen der britischen Pfadfinderbewegung, wie das Versprechen, um als reifer und geprüfter Pfadfinder in die Gruppe aufgenommen zu werden.

Das alles klingt sehr historisch, traditionell, versteift, aber auf dem Pfadfinderlager selbst spüre ich davon nichts. Es geht lebhaft, solidarisch und fröhlich zu. Nach vielen Gesprächen und einer rußigen und geselligen Nacht am Lagerfeuer und lauten Gesängen, starte ich am nächsten Tag meinen Workshop.

„Diskutier mit dem UN-Jugenddelegierten“ heißt es im Programm. Mit den Teilnehmenden diskutiere ich auf der Wiese, während um mich herum mit die Pfadfindern mit Schwertern kämpfen, Kissen gestalten, Türme besteigen und Henna-Tattoos malen. Alle Diskutierenden gehen höflich miteinander um, lassen einander aussprechen, streiten nicht, sondern diskutieren mit mir auf hohem Niveau.

Die wichtigsten Forderungen:

  • Ein respektvoller Umgang mit unserer Umwelt, unseren Ressourcen, mit unserer Natur ist die Grundvoraussetzung für menschliches Leben
  • Bildung als zentrales Ziel zur Lösung weltweiter Probleme
  • Mehr Gesamtschulen: denn sie tragen zu einem solidarischeren Gesellschaftsklima bei, welches Menschen nicht schon in jungem Alter voneinander trennt und Möglichkeiten zur sozialen Mobilität vermindert
  • Politik muss Inhalte vermitteln, statt nur Werbung für zu machen
  • Mehr Jugendbeteiligung in der Politik > gesenktes Wahlalter
  • Menschenwürdiges Leben für Flüchtlinge in der Heimat und an Zielort
  • Verstärkte Entwicklungszusammenarbeit
  • Einhaltung der Post-2015 Nachhaltigkeitsziele
  • Überstaatliche Lösung globaler Probleme

Als ich das Zeltlager verlasse und mich in das schnelle und turbulente Leben des Zivilisation zurückbegebe, bin ich ein wenig wehmütig, nicht länger in der Natur geblieben zu sein, den Vögeln beim Zwitschern, den Gitarristen beim Musizieren und den Pfadfindern beim Diskutieren zugehört zu haben.

 

Auch der Fränkische Tag war vor Ort und berichtete über den Workshop.

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