Sep 072015
 

Zwei Wochen lang radelten die UN-Jugenddelegierten Carina und Alexander durch Deutschland, um sich mit vielen jungen Menschen auszutauschen und gemeinsam mit ihnen konkrete Forderungen für die Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sammeln. Was bleibt? „Was bleibt, sind viele unvergessliche Momente mit jungen Menschen, die uns begeistern. Was bleibt, sind viele Forderungen, die wir zu einem Notenheft der ZukUNftsmusik zusammenbinden. Was bleibt, sind Visionen, die uns bewegen, unser Bestes zu geben“, sagen die beiden am Ende der Tour.

ForderungenLos ging es am Internationalen Tag der Jugend, dem 12. August. Bei schönstem Wetter waren die Beiden beim Maschseefest in Hannover. Schon am ersten Tag wurde ihnen deutlich: „Bei jungen Menschen ist niemand politikverdrossen. Im Gegenteil: hier hat jeder eine Meinung!“

Bei der Jungen Gemeinschaft Altmark gab es am zweiten Tag neben viel inhaltlichem Input eine Live-Band und liebevoll zubereitetes Picknick, das den Ideenfluss zusätzlich anfeuerte. Zuvor gab es im Grenzmuseum Böckwitz-Zicherie ein Stück deutscher Geschichte hautnah: die Teilung des Landes wurde hier mit individuellen Schicksalen und geographischen Schauplätzen verdeutlicht. Gänsehaut war bei den bewegenden Geschichten vorprogrammiert.

Weiter ging es an Tag drei zum Jugendfilmcamp in Arendsee. In der Runde junger, kreativer Menschen war der Sprung von den Dreharbeiten zur Politik im Nu gemacht. Die Teilnehmenden waren für gesellschaftliche Fragen, die Nährboden ihrer qualitativ hochwertigen Filme sind, überaus sensibilisiert. „Kreative Energie beschränkt sich bei Jugendlichen nicht aufs Filmmachen. Wir sind überzeugt: auch in der Politik sollten wir Regisseure unserer eigenen Ideen sein!“, sagen die Beiden nach dem Gespräch.  Angespornt durch die lebendigen Diskussionen der ersten Tage schwangen sie sich wieder auf ihre Räder und es ging weiter ostwärts.

Besonders international ging es beim Nachbereitungsseminar von kulturweit zu – einem internationalen Jugendfreiwilligendienst im Kulturbereich. Die Beiden trafen sich mit einer Gruppe, die just aus verschiedensten Teilen der Welt zurückgekehrt war.  Die Teilnehmenden sprachen sich aus für Kooperation, die über staatliches Handeln hinausgeht. „Als Weltbürger müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, globale Herausforderungen, Krisen und Probleme nationalstaatlich lösen zu können“, fassen Carina und Alexander die Forderungen zusammen.

Tag sechs: Besuch bei den Queerulanten in Halle. Die Gruppe besteht aus lesbischen, schwulen, bisexuellen, heterosexuellen und transsexuellen jungen Menschen. Zu den Schlagworten Identität, Toleranz und Akzeptanz hatten sie Carina und Alexander einiges zu erzählen. Ernüchternd war hingegen der Blick auf die Arbeit der Vereinten Nationen zu dem tumblr_nt533cYIk71uch1mmo1_1280Thema: durch einige „Blockierer“ gibt es auf internationaler Ebene keine bahnbrechenden Abkommen im LGBT-Bereich.

Was wäre, wenn in Deutschland Krieg wäre? Wenn hinter jeder Straßenecke eine Waffe lauern könnte? Wenn Essen und Wasser zu Mangelware werden? – Das fragten sich Alexander und Carina nach dem Gespräch mit einer Gruppe junger Flüchtlinge in Leipzig auf ihrer Facebookseite. Das Treffen stand unter der aktuellen Debatte. Die beiden Jugenddelegierten kritisierten, dass in Deutschland zu viel über Flüchtlinge gesprochen werde, ohne diese selbst zu fragen. Das wollten sie anders machen. „Die Herkunft eines Menschen darf niemals seine Chancen, Zukunft oder Gegenwart bestimmen. Dieses Grundrecht braucht mehr Engagement der Weltgemeinschaft in Krisenregionen. Und auch Deutschland braucht eine Willkommenskultur, die über eigene Ländergrenzen hinausgeht“, sagen sie. Ihre Eindrücke: Die jungen Menschen wollen sich engagieren, in Deutschland einleben, die Sprache lernen, studieren oder eine Ausbildung machen, arbeiten und so auch ihre Familie unterstützen und ihrem Heimatsland helfen.

Als nächstes besuchten die Beiden eine sehr musikalische Wohngemeinschaft der Lebenshilfe in Fürth. Und Musik, so merkten Carina und Alexander, kann ein Garant für ein harmonisches Zusammenleben, Lebensfreude und Individualität sein. Beim gemeinsamen Musizieren rückt die geistige Behinderung in den Hintergrund: Musik ist die Brücke, die zusammenschweißt.

Auf ins Grüne lautete das Motto des zehnten Tags beim Sommercamp der Naturschutzjugend (NAJU) Bayern. Ihr Thema dieses Jahr VerNetzeN: Angefangen mit dem Vernetzen innerhalb der Gruppe, über Netze, wie sie in der Natur vorkommen bis hin zu globalen und vom Menschen geschaffenen Netzwerken.

Ernst wurde es wieder im Jugendgefängnis in Adelsheim. Die beiden besuchten eine Gruppe junger Inhaftierter in ihrer Klasse, ließen sich die Anstalt zeigen und hinterfragten kritisch die Haftbedingungen. „Im Gespräch mit den Jungs sahen wir immer wieder ihren weichen Kern. Da sind am Ende einfach Menschen, die durch alle sozialen Netze gefallen sind, schwierige Familienverhältnisse haben oder an die falschen Freunde geraten sind. Ob ein Wegsperren dieser jungen Männer in riesige Anstalten der richtige Weg ist?“, fragen sich Alexander und Carina nach dem Besuch. Ihre KonstanzIdee wären kleinere Einrichtungen und engere Bindungen zu Betreuern, denn in der Größe der Anstalten liegt ein Grundproblem: die Gefangenen kommen aus einem Teufelskreis aus Gangs, Drogen und Sich-Behaupten-Müssen nicht heraus.

Am letzten Tag ging es zum Konstanzer Schülerparlament. Politikverdrossenheit bei jungen Menschen? Fehlanzeige! Die Mitglieder des Konstanzer Schülerparlaments engagieren sich auf kommunaler Ebene und bringen sich stark in die Politik ein. Nur auf Bundesebene wird es manchmal schwierig. „Häufig fehlt es an Wissen und Möglichkeiten, sich auch in der Bundespolitik miteinzubringen. Dabei wollen wir nichts lieber als mitdiskutieren.“

Carina und Alexander arbeiteten nicht nur bei  festen Gruppen. In ihren freien Stunden ging es auf die Straße zu „Freestyleaktionen“. Schließlich sollten so unterschiedliche Jugendliche wie möglich ihre Forderungen an die Vereinten Nationen stellen können. Die Beiden sprachen auch junge Menschen auf der Straße an, die teilweise noch nie Kontakt mit Jugendverbänden und -Organisationen hatten.

Nach 14 Tagen kamen die beiden voller Impressionen zurück. „Ich kann es nicht fassen, dass nun echt alles vorbei ist“, sagt Carina auf dem Rückweg, kurz bevor sie die gesponserten Räder zurück bringt. Aber allzu lange wird die Verschnaufpause nicht dauern, denn nach weiteren Tourstationen beginnen die Vorbereitungen für die UN-Generalversammlung und dann geht es auch schon los nach New York.

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