Dez 112015
 

sans-titre (3)Am 6. Oktober 2015 hielten wir unsere Rede vor dem 3. Ausschuss der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Der Großteil der Reden verhallte schnell in Anbetracht der schieren Fülle und Masse an aufeinanderfolgenden Statements. Uns war es genau deshalb wichtig, mit unserer Rede die Aufmerksamkeit der Diplomat*innen zu erlangen. Unsere Rede sollte die Präsenz junger Menschen im Raum betonen und den Fokus auf Themen lenken, die ihnen besonders wichtig sind. Auf unserer Deutschlandtour stellten wir fest, dass junge Menschen internationale Kooperation und die Vereinten Nationen befürworten. Gleichzeitig sind sie kritisch gegenüber dem aktuellen System und wünschen sich eine stärkere internationale Handlungsfähigkeit. Von der Resonanz auf unsere Rede waren wir überwältigt. Besonders geehrt hat uns der anschließende Applaus, der in den Ausschüssen der Vereinten Nationen eine Seltenheit ist. Gefreut hat uns darüber hinaus, dass wir auch Tage später regelmäßig auf die Rede angesprochen wurden und einzelne Punkte weiter diskutierten. So trafen wir uns beispielsweise mit Vertreter*innen der UNO-Flüchtlingsorganisation (UNHCR) sowie mit dem Kinderhilfswerk UNICEF zu Konsultationsgesprächen. Verhandlungen zur Jugendresolution.

Die Verhandlungen zur Jugendresolution „Policies and programmes involving youth“ stellten in diesem Jahr Chancen und einige Herausforderungen an das internationale Jugenddelegiertenteam. Als der erste Entwurf deutlich später als angekündigt vorgestellt wurde, waren viele Jugenddelegierte bereits abgereist. Im Team bestehend aus den verbliebenen Jugenddelegierten entwickelten wir einen gemeinsamen Aktionsplan für Änderungsanträge in der Resolution. Diese konnten wir über unterschiedliche Kanäle in die Verhandlungen einbringen. Während die norwegischen Jugenddelegierten in Absprache mit ihrer Regierung unsere Änderungsvorschläge vortrugen, setzte sich unser Ansprechpartner in der Ständigen Vertretung bei den EU-Koordinierungstreffen für unsere Forderungen ein. Wir konnten nur an einer Verhandlungsrunde teilnehmen, bevor wir nach Deutschland zurückkehrten. Die Verhandlungen dauern immer noch an. Viele unserer Vorschläge schaffen es mit großer Wahrscheinlichkeit in die endgültige Resolution. Andere werden bis jetzt noch diskutiert. Der Zero Draft der diesjährigen Jugendresolution enthielt trotz des verzögerten und kontroversen Verhandlungsprozess aussagekräftige Passagen. So forderten wir beispielsweise in dem Paragraphen, der sich der Globalisierung widmet, eine Betonung fairer Arbeitsbedingungen und die Stärkung der Rechte junger Arbeitnehmer*innen, welche über die bloße Betonung ihres wirtschaftlichen Nutzens hinausgehen soll. Darüber hinaus war es unser Anliegen, die Rechte der LGBTIQ*-Gemeinschaft in Sachen SOGI (sexual orientation and gender identity) zu stärken. Wir hoffen, hier die Resolutionssprache zu stärken.12295323_542903555886410_5445714119117914354_n

Insgesamt sind wir mit der Kommunikation und der Kooperation unserer Ansprechpartner*innen in der Ständigen Vertretung, im Auswärtigen Amt und im Bundesfamilien und –Jugendministerium sowie in unseren Trägerorganisationen sehr zufrieden. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass wir in den Verhandlungen weitgehend unsichtbar bleiben. Die norwegischen Jugenddelegierten konnten mit ihrer Regierung abgesprochene Forderungen persönlich in den Informals einbringen. Wir dagegen haben kein Rederecht und können somit lediglich indirekte Kommunikationskanäle nutzen. Die Vereinten Nationen setzen häufig auf ihre symbolische Wirkungskraft. Um die Zivilgesellschaft und Jugend in Zukunft in dem UN System zu stärken, ist ihre Sichtbarkeit also von großer Wichtigkeit. Nur durch sichtbares Auftreten, auch während Verhandlungen, kann die Anerkennung für Jugenddelegierte und andere zivilgesellschaftliche Vertreter innerhalb des Systems wachsen.

Am 15. Oktober richteten wir ein Side Event im Deutschen Haus aus. An der Diskussion zum Thema „Silent Heroes – Civil Society and the Refugee Crisis“ nahmen etwa 100 Menschen teil. Diese bestanden aus Repräsentant*innen der Ständigen Vertretungen, UN Organisationen, NGOs, der Zivilgesellschaft sowie internationalen Jugenddelegierten. Organisiert haben wir das Side Event mit symbolischer und teils aktiver Unterstützung der belgischen, bulgarischen, österreichischen und niederländischen Jugenddelegierten. Für unser Panel konnten wir folgende Expert*innen gewinnen:

  • Ellie Alter – Program Manager at the Refugee and Immigrant Fund
  • Brett Stark – Legal Director & co-founder of Terra Firma at Catholic Charities New York
  • Kristèle Younes – UN Humanitarian Affairs at the International Rescue Committe

12301766_544067189103380_8405133044237471283_nAußerdem gab es einen “Swinging Seat”, auf dem Teilnehmende Platz nehmen konnten, um ein Statement oder ein Frage einzubringen und die Diskussion zu beleben. Moderiert wurde die Veranstaltung von Alexander, was die Möglichkeit bot, der Veranstaltung eine persönliche Note zu geben, unsere eigenen Ideen miteinzubringen und die Diskussion thematisch zu lenken. Begleitet wurde die Diskussion von einer digitalen Ausstellung, welche Portraits der “Silent Heroes”, der ehrenamtlichen Helfer, zeigte. Neben den Portraits fanden sich Kommentare zu ihrer Arbeit sowie zu Flucht und persönlichen Erlebnissen mit Geflüchteten. Über die Ausstellung hinaus erstellten wir eine Facebook-Seite mit den Portraits der Helfenden. Ziel ist es, Aufmerksamkeit auf ehrenamtliche Arbeit zu lenken und Menschen zur Auseinandersetzung mit der sog. „Flüchtlingskrise“ anzuregen. Im Idealfall möchten wir Menschen dazu bewegen, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Bei der diesjährigen Generalversammlung waren etwa 50 Jugenddelegierte aus 28 Ländern präsent. Auffällig ist weiterhin, dass vor allem westliche Industriestaaten Jugenddelegierte entsenden. Von einer weltweiten Jugendvertretung kann also kaum die Rede sein. Der Status der Jugenddelegierten ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Einige haben eher die Rolle von Praktikant*innen an ihren Ständigen Vertretungen. Andere Jugenddelegierte dagegen haben die Möglichkeit, auch über visuelle und medial-journalistische Kommunikation hinaus zu partizipieren. Heraus stechen Norwegen, die Niederlande und Belgien. In diesen drei Staaten haben die Jugenddelegierten die umfassendsten Rechte und können ihre Ideen eigenständig und tiefgreifend einbringen. Sie haben die Möglichkeit, ihre Reden eigenständig im Namen der Jugendlichen ihres Landes verfassen. Darüber hinaus gestehen ihre Mitgliedstaaten ihnen umfassende Rechte bei den jugendrelevanten Verhandlungen zu. Diese Form des Einbeziehens von Jugenddelegierten in die Verhandlungen sehen wir als eine der stärksten Möglichkeiten, die Stimme junger Menschen effektiv in Verhandlungen einzubringen. Während unserer Zeit in den Headquarters der Vereinten Nationen konnten wir anderen Jugenddelegierten Impulse und Ideen mit auf den Weg geben, wie sie das Programm in ihren Ländern verbessern könnten. Besonders viel Interesse hat die Deutschlandtour als Exempel für einen nationalen Konsultationsprozess vor dem Aufenthalt in New York geweckt. Parallel zu den Verhandlungen zur Jugendresolution führten wir im informellen Rahmen Gespräche mit vielen Diplomat*innen, um für die Etablierung von Jugenddelegiertenprogrammen weltweit zu werben.

12088248_534278580082241_1467746826238502833_nIm Rahmen unseres Aufenthalts in New York organisierte der in UN DESA (Department of Social and Economic Affairs) angesiedelte ‚Focal Point on Youth‘ einen Fototermin mit Generalsekretär Ban Ki-Moon. Schön wäre gewesen, wenn dieses Treffen über die “Foto-Opportunity” hinausgegangen wäre und der Generalsekretär sich trotz straffen Zeitplans mehr Zeit für eine substanzielle Diskussion und einen inhaltlichen Austausch genommen hätte. Insgesamt freuen wir uns aber, dass die Jugend einen festen Platz in den UN-Strukturen bekommt. In diesem Sinne hoffen wir, dass der Posten des Youth Envoy auch unter neuem Generalsekretariat bestehen bleibt.

Unsere Arbeit als Jugenddelegierte vergleichen wir oft mit einer Brücke: wir bringen die Vereinten Nationen zu Jugendlichen und umgekehrt tragen wir die Forderungen und Visionen junger Menschen zu den Vereinten Nationen. Die erste Richtung funktioniert sehr gut. Auf unserer Deutschlandtour konnten wir viele junge Menschen treffen und ihnen die UN anschaulich näher bringen. Wir konnten diskutieren, was sie bewegt, was sie sich für die Zukunft wünschen und was sie fordern. Darüber hinaus konnten wir über unsere verstärkte Präsenz in den sozialen Medien ein noch breiteres Publikum erreichen als in den Vorjahren. Umgekehrt ist die Brücke von den jungen Menschen in die Vereinten Nationen holprig. Wir sammelten Forderungen und Wünsche, die wir zu einem Notenheft der “ZukUNftsmusik” bündelten. Leider sind Möglichkeiten, diese Anliegen zu artikulieren, sehr beschränkt. Über Jugendpartizipation wird viel geredet. Unsere und die Erfahrung vieler Jugendlicher, mit denen wir sprachen, zeigt jedoch: wenn es ernst wird, werden viele Ideen wieder verworfen. Auch die Vereinten Nationen sind in ihrer aktuellen Form nicht auf zivilgesellschaftliche Partizipation ausgerichtet. „Nationen“ bleiben entscheidend. Nur, wer “Staatenvertreter*in” ist, kann wirklich mitbestimmen. Es gibt Wege und Möglichkeiten, Jugendpartizipation effizienter zu gestalten. Ein Weg wäre, nicht nur Fotos mit jungen Menschen zu machen, sondern mit ihnen zu reden, sich mit ihnen zu beraten und ihre Potenziale dadurch zu nutzen.

Den vollständigen Bericht zu unserem Aufenthalt in New York könnt Ihr hier nachlesen.

 

 Antworten

Pflichtfeld

Pflichtfeld